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Anne Isopp
Architekturjournalistin
mail@anneisopp.at

Vereinbarkeit von Architekturberuf und Familie

Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen ist – egal in welcher Branche – nicht einfach.
Erschienen in Konstruktiv 300, Dezember 2015

Architektin Susanne S. ist nach der Geburt ihres Kindes in Teilzeit in das Architekturbüro zurückgekehrt, in dem sie vorher schon lange gearbeitet hat.  Inzwischen hat sie diesen Job aufgegeben, da sie nach ihrer Karenz  „nur mehr uninteressante Arbeiten machen durfte“, wie sie erzählt. Architektin Karin H. hingegen arbeitet aus genau diesem Grund Vollzeit: „Wenn man Teilzeit arbeitet, bekommt man einfach nicht dieselbe Verantwortung wie bei einem Fulltime-Job.“ Sie ist in einem großen Architekturbüro angestellt und hat zwei Kinder. Ihr Mann arbeitet ebenfalls Vollzeit und sie teilen sich die Kinderbetreuung und den Haushalt gleichmäßig auf. Möglich ist das für Karin H. nur, weil das Büro in dem sie arbeitet, Kernarbeitszeiten am Vormittag eingeführt hat, um so die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu fördern. Anna K. wiederum ist selbständig und hat mit ihrem Partner gemeinsam ein eigenes Büro. Für sie hat die Selbständigkeit den Vorteil, dass „sie sich alles viel besser einteilen kann, weil es keine fixen Arbeitszeiten gibt.“ Um sich die Verantwortung für Büro und Kind gleichmäßig aufzuteilen, haben sie und ihr Partner mit der Geburt ihres Kindes für ihr Büro einen erfahrenen Mitarbeiter eingestellt, „der zwar etwas mehr kostet, ihnen aber auch Verantwortung abnehmen kann“, wie sie sagt. Dies sind nur 3 Beispiele von unzähligen, wie Frau und Mann in der Architektur versuchen Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren.

Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen ist  – egal in welcher Branche – nicht einfach.
In der Architektur scheint es aber besonders schwierig zu sein. Jeder und jede ist gefordert, eigene Strategien und Lösungen zu entwickeln, um dies zufriedenstellend hinzubekommen. Dennoch sehen sich viele Betroffene, vor allem Frauen, – sobald das erste Kind da ist – weitgehend unvorbereitet mit dem Thema konfrontiert. Sie erleben es  meist als ihr individuelles Problem. Das führt dazu, dass sie dem Architekturberuf den Rücken kehren und sich andere Betätigungsfelder suchen. Das erzählen nicht nur die Betroffenen  sondern ebenso die Zahlen: Über 50 Prozent der Architekturstudenten in Österreich sind weiblich,  unter den ZiviltechnikerInnen finden sich in Österreich hingegen  nur 18 Prozent Frauen. Diese Zahlen haben uns – die Autorinnen dieses Artikels – nachdenklich gemacht und dazu bewogen die Hintergründe zu erkunden.
Für die über das Schütte Lihotzky Stipendium sowie von der Architektenkammer und der MA 57 geförderten Studie „Vereinbarkeit von Architekturberuf und Familie“ haben wir in Form von Interviews und Fragebögen mit 33 Architekten und Architektinnen gesprochen. Dabei haben wir Strategien und Modelle kennengelernt, wie sich in der Architektur Beruf und Familie vereinen lassen, sowie Hürden erkannt, die aufgrund berufsspezifischer und gesellschaftlicher Rahmenbedingungen die Vereinbarkeit erschweren.

Charakteristisch für die Architekturbranche ist, dass die Büros sehr klein strukturiert sind – weniger als drei Prozent aller europäischen Architekturbüros bestehen aus mehr als fünf Leuten (ACE 2014). Lange Arbeitszeiten, geringe Bezahlung, Unsicherheiten, Prekariat und überwiegende Selbstständigkeit gehören zu den charakteristischen Eigenschaften des Architekturberufs in allen europäischen Ländern. Diese Bedingungen führen dazu, dass viele ArchitektInnen die wir interviewt haben, die innerhalb ihrer Familie die Hauptverantwortung für die Kinderbetreuung übernommen haben, sich dazu entschließen, den Architekturberuf nicht mehr auszuüben und in andere Berufsfelder zu wechseln.
Neben den berufsspezifischen Parametern haben aber auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen einen großen Einfluss auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.
Die österreichische Politik fördert lange Karenzzeiten und Teilzeitarbeit. Der Soziologe Christoph Reinprecht weist darauf hin, dass in Österreich die Einkommen erwerbstätiger Frauen im Schnitt 24 Prozent unter denen von Männern liegen und Österreich damit neben Estland das Schlusslicht in Europa bildet. Die Architektur ist eine Profession, die von vielen Frauen wegen ihres liberalen Images gewählt wird, so Reinprecht, und deren Realität für sie dann oft sehr desillusionierend sein kann. Er fordert, die ungeschriebenen Regeln und Handlungsmuster in der Architektur zu überdenken und in den Büros neue Arbeitsformen zu definieren; nur so lasse sich eine Verschiebung der Geschlechterrollen in der Profession und damit auch eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie erreichen. Die Soziologin Ulrike Papouschek betont, dass für eine bessere Vereinbarkeit auch ein großes Augenmerk auf die Arbeitszeitkultur in der Architektur zu legen ist: Erst wenn Konsens darüber herrscht, dass Architektur sich auch mit geregelten Arbeitszeiten betreiben lässt, sei die Vereinbarkeit mit dem Familienleben gegeben. Architekt Christoph Achammer ist davon überzeugt, dass mehr Frauen – bei gleichzeitiger Verantwortung für Kinder und Familie – erfolgreich in der Architektur tätig sein könnten, wenn sich einige Grundeinstellungen der Betroffenen ändern würden. Er hat dazu in seiner Firma eine Kernarbeitszeit von nur drei Stunden eingeführt.
 Ob Holland, Frankreich oder Schweden – ein Blick ins Ausland zeigt, dass auch in der Architektur andere Länder weit fortschrittlicher und emanzipatorischer agieren als Österreich und dass es dadurch einfacher ist, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen.

In der von uns herausgegebenen Broschüre „Vereinbarkeit von Architektur Beruf und Familie“ kann man nicht nur Essays zu diesem Thema von den beiden oben erwähnten Soziologen nachlesen sondern auch anhand von 33 Fallbeispielen erfahren, welche konkreten Möglichkeiten es gibt, Beruf und Familie zu kombinieren. Die Interviews geben einen Einblick in den Alltag der Personen und zeigen welche Erfahrung die Personen mit der von ihnen gewählten Strategie gemacht haben. Angestellt oder Selbständig, Teilzeit oder Vollzeit – diese Entscheidungen muss jeder für sich selber treffen. Wichtig ist, zu erkennen, das jede Form seine Vor- und Nachteile hat und – egal welche Form man wählt – diese immer das Beruf- und das Familienleben (das kann man nie getrennt betrachten) beeinflusst. Für eine bewusste Entscheidungsfindung haben wir einen Bausteinkasten zusammengestellt, aus dem Interessierte Vor- und Nachteile ablesen können  und so Entscheidungen in Zukunft bewusster treffen können.

Die Vereinbarkeit in der Architektur ist ein viel zu wenig beachtetes Thema und so bleibt es nach wie vor schwierig in der Architektur, Beruf und Familie zu vereinbaren. Dafür verantwortlich ist auch das weithin gepflegte Selbstbild vom kreativen Architekten, das eine  100-prozentige Verfügbarkeit für den Beruf erfordert und zu einer Entgrenzung von Privat- und Berufsleben führt. Diese ungeschriebenen Regeln werden als ideologische Voraussetzungen akzeptiert, die unser Handeln und die Strukturen des Berufes bestimmen. Als erster Schritt in Richtung Veränderung müssen diese ungeschriebenen Regeln aber endlich einmal konkret ausformuliert und kritisch diskutiert werden. Als zweiten Schritte ist es an der Zeit über neue Organisationsformen und Arbeitsstrukturen in der Architektur nachzudenken (zum Beispiel Teilzeitjobs, geregelte Arbeitszeiten) sowie einen beruflichen Wertewandel einzuleiten. Damit Architektinnen auch bei geringerem Zeitaufwand, auf Grund der familiären Verpflichtungen, den Architekturberuf genauso professionell und kreativ ausüben können. Wir hoffen, dass wir zu einer Bewusstseinsbildung zu diesem Thema mit unserer Arbeit  beitragen können. (Autorinnen: Silvia Forlati, Anne Isopp, Sabina Riß-Retschitzegger)

Siehe auch: www.daskonstruktiv.at, www.wonderland.cx/work-life-balance/

Die Broschüre „Vereinbarkeit von Architektenberuf und Familie„ kann unter www.wonderland.cx/work-life-balance/ heruntergeladen werden oder zu einem Selbstkostenpreis von 12,- Euro bestellt werden (email an: research@wonderland.cx).