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Anne Isopp
Architekturjournalistin
mail@anneisopp.at

Zur Ausstellung ‚Form folgt Paragraph‘ im Az W

Im besten Fall führen rechtliche Einschränkungen zu vorher undenkbaren Lösungen mit Vorbildcharakter.

Erschienen in profil, 20.11.2017

Kreative architektonische Lösungen haben Tradition. Um 1900 begannen die Häuser in New York gen Himmel zu wachsen. Es gab jedoch noch keine Regeln, um den rasanten städtebaulichen Wachstum zu lenken. Als dann 1915 das „Equitable Building“ mit seinen 38 Stockwerken und einer Höhe von 165 Metern auf der Südspitze der Insel fertiggestellt wurde, waren alle schockiert: Es versperrte nicht nur die gewohnte Sicht, sondern warf auch einen Schatten auf viele Häuser in erstklassiger Lage. Chicago hatte bereits 1893 ein Gesetz erlassen, um die Höhenentwicklung zu regulieren; in New York kam es erst 1916 zur sogenannten „zoning resolution“. Mit dieser Bauvorschrift mussten nun die Gebäude ab einer gewissen Höhe in den oberen Geschossen zurückspringen, um Sonnenlicht auf die Straße zu bringen und keine allzu großen Schatten auf die Nachbarn zu werfen. Der bekannte holländische Architekt Rem Koolhaas nennt das Gesetz in seinem Buch „delirious new york“ eine nachträglich ausgestellte Geburtsurkunde für das Hochhaus. Denn wie bei einer Zipfelmütze mussten sich die Gebäude zwar nach oben verjüngen, der Höhe an sich aber war keine Grenze gesetzt. Damit hatte die „zoning regulation“ eine neue Gebäudetypologie hervorgebracht: die für New York typischen, gestaffelten Rücksprünge der Dachzonen, wie wir sie vom Empire State Building und anderen Bauten aus der Zeit kennen. Diese Gebäude spiegeln eine buchstabengetreue Anwendung des Gesetzes wider, aber auch die bestmögliche Ausnutzung des Grundstückes. Etwa zeitgleich wusste sich auch in Wien Adolf Loos mithilfe einer speziellen Dachform zu helfen. Er war mit der Planung eines Hauses in Wien- Hietzing für das Ehepaar Steiner beauftragt. Die 1910 geltenden Bauvorschriften besagten, dass die Häuser straßenseitig nur ein Geschoß mit einer vorgegebenen Traufhöhe haben durften. Um dennoch ein Maximum an Wohnfläche zu schaffen, ließ Loos das Kellergeschoss zur Hälfte aus dem Erdreich ragen – übrigens ein Trick, mit dem auch heute noch gearbeitet wird, um im Kleingartenbereich ein Optimum an Wohnfläche zu schaffen. Zudem gab er dem Dach straßenseitig die Form einer Halbtonne und verbarg dahinter gleich zwei Geschosse. Das Haus, das sich zur Straße hin eingeschossig mit Dach präsentiert, ist in Wahrheit viergeschossig. Es gibt auch jüngere Beispiele kreativer Auslegung der Baugesetze. Um den Bewohnern eines geförderten Wohnbaus in Wien-Favoriten mehr Wohnqualität zu bieten, setzten sich zum Beispiel querkraft architekten über das bis vor Kurzem noch in Wien geltende Verbot von straßenseitigen Balkonen hinweg. Entlang der Straßenfassade schufen sie 60 Zentimeter tiefe Balkone: genug Platz für Blumen und Menschen. Offiziell aber sind es nur Wartungsstege für die Fassade. Ein anderes schönes Beispiel führt nach Wien-Liesing: Hier erwarb ein junger Mann eine Bauparzelle in Verlängerung des Gartens seiner Eltern. Eigentlich hätte er auf dem Grundstück, das gerade fünf Meter breit und 35 Meter lang ist, kein Haus bauen dürfen. Denn laut Wiener Bauordnung muss ein Baugrundstück mindestens 500 Quadratmeter groß sein. Caramel architekten rieten ihrem Bauherrn, den Baugrund mit dem elterlichen Grundstück zusammenzulegen, und scheuten sich nicht davor, ein Haus mit einer Breite von lediglich fünf Metern zu planen. Die weißen fensterlosen Fassaden verraten wenig von der Wohnnutzung. Im Inneren spürt man hingegen nichts von der beengten städtebaulichen Situation: Die Wohnräume sind weit und licht, allein über Dachflächenfenster und Atrium strömt Tageslicht herein. Im besten Fall führen baurechtliche Einschränkungen zu räumlichen Lösungen, die vorher undenkbar waren und dann Vorbildcharakter bekommen – so wie bei diesem Wohnhaus von Caramel architekten, das heute als mustergültiges Beispiel für städtische Nachverdichtung gilt.

Weitere Infos zur Ausstellung: www.azw.at